17.7.06

Der Kirschgarten

Ich war letzte Woche mal wieder im Theater: Tschechows „Kirschgarten“ stand auf dem Programm. Die bürgerliche Komödie handelt von einer verarmten Adelsfamilie in Russland um die Jahrhundertwende, die mit allen Mittelt versucht ihr überschuldetes Anwesen samt Kirschgarten vor dem Verkauf zu retten. Der Kirschgarten, ein Klassiker der Weltliteratur, bezieht seinen Reiz aus einer Vielfalt an Themen, wie Loslassen können, individuelle Weltentwürfe und natürlich der Liebe.
Lars Ole Wartburg hat sich an die Inszenierung gewagt und ist dem Thema des Sommers in Deutschland gefolgt: Fußball. Auf der Bühne kein Baum, kein Haus, lediglich grüner Kunstrasen, dahinter prangt auf der Rückwand in großen Magnetbuchstaben DEUTSCHLAND, aus dem dann auch mal DUSCHLAND oder LACHLAND wird. Die Handlung ist also in heimische Gefilde transponiert, genauer gesagt in den Osten und ins Heute. Jeder Akt spielt zu einem historischen Datum: Am 8. Mai, dem Tag der Befreiung, kommt die bankrotte Gutsbesitzerin nebst Tochter aus Paris zurück. Sanierungsvorschläge, die keiner hören will, gibt es am 17. Juni passend zum Volksaufstand in der DDR, weil alles so bleiben soll wie es ist. Am 22. August schließlich ist Kirschgarten-Versteigerung. Der ungewisse Ausgang wird mit einem rauschenden Fest begangen, garniert mit Zitaten aus Angela Merkels Neujahrsansprache. Der Abschied kommt dann am 3. Oktober. Das ästhetische Paradies von einst wird abgeholzt und gewinnbringend zu Bauland parzelliert, was erst der proletarische Emporkömmling schafft.
Wartburg macht mit seiner wirklich gelungenen Inszenierung eine Parabel auf die überalterte Gesellschaft und zeigt wie im Ende auch immer ein Neuanfang steht. Ein rundum amüsanter Abend.