23.7.06

Historisches Karussell: technikgeschichtliches Juwel im Englischen Garten

Unter alten Buchen steht ein moosgrüner Pavillon mit weißen Sprossenfenstern und Schindeldach. Wie ein Zauberkasten verbirgt er die Drehbühne des historischen Karussells im Englischen Garten, nahe dem Chinesischen Turm. Seit 1913 haben hier unzählige Mädchen und Jungen in Kutsche und Schlitten, auf Pferden, Schwan und Storch ihre Runden gedreht; sie haben gejauchzt und gelacht, zu den Melodien der Walzenorgel.
An der Türschwelle des Pavillons ziehen vor meinem inneren Auge Bilder vorbei, Bilder aus der Kindheit. Damals bannte mich der schwarzweiße Storch mit seinem langen, roten Schnabel und dem Sitzkissen aus Samt. Jenes Fabeltier war mir seinerzeit nur aus Märchenbüchern und von Erzählungen der Erwachsenen bekannt: Es hieß, der scheue Meister Adebar ließe sich nur selten blicken. Er niste meist auf dem Lande, hoch oben, auf Hausdächern, Kirchtürmen oder in Baumwipfeln – für einen vierjährigen Stadtjungen also unerreichbar fern. Hier, im Karussell, begegnete ich dem geheimnisvollen Wesen zum ersten Mal hautnah, dieser Storch ließ sich sogar anfassen. Wenn ich heute an diesem Ort vorbeikomme, ist es so, als würde ich nach Jahren einen vertrauten Freund wiedersehen.

Die Empfindungen der kleinen Karussell-Gäste schilderte Regisseur Ernst Ginsberg in seinem Gedicht einst treffend: „Dreh Dich schnell, dreh Dich schnell / liebes altes Karussell. / Löwe, Storch und Krokodil / traben mit im Ringelspiel. Schimmel hü! Und Schlitten ho! Kutsche und Karosse! / Kinderaugen glitzern so / heiß auf hohem Rosse …“
Glitzernde Kinderaugen trifft man noch immer hier an. Mittlerweile begeistern sich auch die Erwachsenen für das zum technikgeschichtlichen Juwel avancierte Karussell im Englischen Garten.
Rufe aus dem Biergarten nebenan drängen sich mir auf, die Bilderflut meiner Kindheitserinnerungen reißt plötzlich ab: Ich bin wieder in der Gegenwart angekommen, bei einem Treffen mit Freunden am Chinesischen Turm, an einem späten Samstagnachmittag des 22. Juli.

Was es sonst noch Wissenswertes über das technikgeschichtliche Juwel gibt? Die Figuren des Karussells schnitzte seinerzeit der Schwabinger Bildhauer Joseph Erlacher. Dekorationsmaler und Erstbesitzer August Julier bemalte den inneren Pavillon mit Motiven aus der Kinderliteratur: Struwelpeter, Hans im Glück und Münchner Kasperl. Bevor die Drehbühne 1931 elektrisch betrieben wurde, mussten sie zwei Männer im Keller anschieben. August Julier und seine Nachkommen führten das Karussell bis 1977, heute ist es im Besitz des Freistaates Bayern. Geöffnet hat es täglich ab 14 Uhr, allerdings nur bei schönem Wetter. Zu erreichen sind Storch, Pferde und Gefährten zu Fuß oder mit dem Städtischen Linienbus, Haltestelle „Chinesischer Turm“.